Ein Expertinnen-Gespräch mit Franka Möhricke, Fallmanagerin im Jobcenter Berlin Lichtenberg über Scham, Kompensationsstrategien und die Bedeutung der inneren Einstellung
Lesen und Schreiben sind für viele Menschen eine Herausforderung und doch bleibt das Thema oft unsichtbar. Im Gespräch mit Franka Möhricke, Fallmanagerin im Jobcenter Berlin Lichtenberg, geht es um die Frage, wie Schriftferne im Beratungskontext erkannt werden kann, warum eine wertschätzende Haltung entscheidend ist und wie Gespräche gelingen, ohne Scham oder Druck auszulösen. Dabei wird deutlich: Nicht die perfekte Fragetechnik steht im Vordergrund, sondern ein offener und respektvoller Umgang auf Augenhöhe.
Das Interview ist im Rahmen des Entwicklungsprojektes „Letra – Berufliche Teilhabe für schriftferne Personen“ entstanden.
Wir bedanken uns herzlich bei Franka Möhricke und dem Jobcenter Berlin Lichtenberg für die Zusammenarbeit und die praxisnahen Einblicke!
Wenn ein Mensch zum ersten Mal zu dir in die Beratung kommt: Welche Informationen fragst du standardmäßig ab?
Franka Möhricke: Jedes Erstgespräch verläuft anders, weil jeder Mensch und jede Situation anders ist. In der Regel stelle ich aber immer die gleichen Fragen zur persönlichen, familiären, gesundheitlichen und finanziellen Situation. Ich beginne in der Regel damit, wo jemand wohnt und spreche dann mit der Person über ihren schulischen und beruflichen Werdegang. Ich frage, ob es Schulwechsel gab, ob Klassen wiederholt wurden, ob die Person eine Rechenschwäche oder Lese-Rechtschreib-Schwäche hat. Wenn ja, ob diese diagnostiziert wurde und es Förderung gab oder nicht. Wenn jemand Probleme beim Lesen und Schreiben bestätigt, frage ich, ob und wie gut die Person lesen und schreiben kann, ob sie einen Brief vom Jobcenter lesen und selbstständig beantworten kann oder Unterstützung benötigt.
Schriftferne ist oft unsichtbar. Woran merkst du in der Beratung, dass Lesen und Schreiben möglicherweise ein Thema ist?
Franka Möhricke: Ich lasse mir zur Erfassung im Lebenslauf mindestens Schulabschlusszeugnis und Berufsabschlusszeugnis vorlegen. Die Noten können Anhaltspunkte sein.
Wenn keine Zeugnisse mehr vorhanden sind und die Person nicht von Problemen berichtet, achte ich darauf, ob jemand Lesen und Schreiben ausweicht, ob z.B. wiederholt gesagt wird: „Ich habe meine Brille vergessen.“
Wenn ich vermute, dass jemand nicht oder nur schlecht lesen und schreiben kann, spreche ich das Thema an. Erfahrungsgemäß ist eine freundliche direkte Nachfrage am besten. „Haben Sie Probleme beim Lesen? Haben sie Probleme beim Schreiben?“
Was sagst du, um Druck rauszunehmen, wenn Unsicherheit spürbar wird?
Franka Möhricke: Es gibt viele Menschen, die Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben, es wird nur zu wenig darüber gesprochen. Ich kenne Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, ich weiß, wie schwer es ist, damit durchs Schulsystem und durchs Leben zu kommen. Meist haben Menschen, die etwas nicht gut können, dafür andere Fähigkeiten.
Das Thema ist sehr schambehaftet. Was rätst du Kolleginnen und Kollegen, die Sorge haben, im Gespräch etwas „falsch“ zu machen?
Franka Möhricke: Es wäre wunderbar, wenn Menschen einfach unbefangen und ohne Scham sagen könnten: „Ich kann nicht lesen und schreiben.“ Leider ist das aber nicht so und das Thema sehr schambehaftet. Ich finde grundsätzlich und auch bei diesem Thema am wichtigsten ein Gespräch “auf Augenhöhe”, nicht von oben herab, nicht bewertend, nicht verurteilend.
Wenn ich selbst verinnerlicht habe, jemand, der nicht oder nicht gut lesen und schreiben kann, sei weniger intelligent, dann wird das im Gespräch auch so rüberkommen. Ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass die innere Einstellung stimmt zu dem Thema, wie zu vielen anderen Themen auch. Schulungen können dabei helfen.
Ich empfehle Kolleginnen & Kollegen deshalb, in Gespräche möglichst vorurteilsfrei, unbefangen, offen zu gehen, möglichst ohne Hemmungen. Denn, wenn das Gegenüber merkt, dass ich unsicher werde und jetzt nicht so richtig weiß, wie ich es ansprechen soll, ich mich nicht traue, dann wird das Gespräch unangenehm für beide Seiten. Und genau das sollte vermieden werden.
Wenn Unsicherheit aufkommt, könnte ich z.B. sagen: „Ich bin unsicher, ob ich Sie das fragen sollte, aber können Sie lesen und schreiben?“